Die Geschichte des Woodstock-Sounds

Laut dem mittlerweile zum Kultsymbol gewordenen Poster sollte das Wassermann-Zeitalter gefeiert werden – mit drei Tagen Frieden und Musik. Doch was anschließend schlicht als „Woodstock“ in die Geschichte eingehen sollte, entpuppte sich als eines der bedeutendsten Musik- und Kulturereignisse des 20. Jahrhunderts.

Im Frühjahr 1969 begannen vier Unternehmer in einem Büro in Manhattan mit der Planung des Festivals, die sie bereits ganz zu Anfang vor grundlegende Probleme stellte. Die Einwohner von Woodstock im US-Bundesstaat New York hatten kein Interesse an einem Ansturm von Hippies. In Wallkill, New York, hatte man bereits die Genehmigung zur Ausrichtung des Festivals widerrufen.

erklärte sich schließlich der Milchbauer Max Yasgur bereit, den Veranstaltern eine große, abfallende Weidefläche zu verpachten. Den Einwohnern des Ortes Bethel in New York, welcher tatsächlich viele Kilometer von Woodstock entfernt liegt, nannte man eine voraussichtliche Besucherzahl von 50.000.

Zu dieser Zeit waren Festivals noch nicht fester Bestandteil der Rock ‘n‘ Roll-Szene, weshalb sich die Veranstalter beim Booking der Bands mit der nächsten Herausforderung konfrontiert sahen. Nachdem jedoch Creedence Clearwater Revival zugesagt hatten, folgten noch 34 weitere Bands und Künstler der Einladung. Richie Havens ging als erster auf die Bühne. Jimi Hendrix, dessen Auftritt sich wegen der immer wieder einsetzenden Regenfälle auf den vierten Tag verschob, setzte den Schlusspunkt.

Die Karten für das dreitägige Event kosteten im Vorverkauf 18 US-Dollar und am Einlass 24 Dollar. Gemessen am Kartenvorverkauf gingen die Veranstalter von einer Zahl von etwa 200.000 Besuchern aus.

Die Legende besagt auch, dass die Festivalorganisation durch die vielen Wechsel des Veranstaltungsortes dem Zeitplan hinterherhinkte. Vor die Wahl gestellt, eine Bühne zu bauen oder Sicherheitszäune zu errichten, entschieden sich die Organisatoren für die Bühne. Und so wurde aus der eigentlich gewinnbringend geplanten Unternehmung letztendlich ein Gratis-Konzert für 400.000 Besucher und das noch vor dem offiziellen geplanten Start.

Kontext: Konzertbeschallung in den 1960er Jahren

Bevor wir erörtern, wie es dazu kam, dass das Shure Unisphere® auf der Bühne von Woodstock zum meistgenutzten Mikrofon wurde, sollten wir einen Blick auf den damaligen Stand der Live-Sound-Branche werfen, die noch in den Kinderschuhen steckte.

Große Indoor-Konzerte wurden mit dem bestritten, was an Beschallungsanlagen vor Ort verfügbar war (oft nur sprachoptimierte Anlagen) oder die Bands brachten ihre eigenen, viel zu leistungsschwachen Anlagen mit.

Als Geburtsstunde der Live-Beschallung im Stadion gilt gemeinhin der 15. August 1965, als die Beatles im Shea Stadium (vergeblich) versuchten, 55.600 schreiende und kreischende Fans zu übertönen. Die hauseigene PA des Stadions, die normalerweise für Ansagen bei Heimspielen der New York Mets genutzt wurde, war dem Publikumslärm leistungsmäßig hoffnungslos unterlegen.

Es war ein Wendepunkt in der Entwicklung der Live-Beschallung hin zu der Branche, wie wir sie heute kennen. Es musste sich etwas ändern.

Eine Veränderung brachten zum Beispiel die vielen im Freien abgehaltenen Pop-Festivals und die Entwicklung von Verleihfirmen zu Dienstleistungsunternehmen für die Beschallung bei Großveranstaltungen.

Harry McCune Sound Service aus San Francisco wurde für das Monterey Pop Festival im Jahr 1967 angeheuert. Unseres Wissens ist dies die erste Veranstaltung, bei der Mikrofone von Shure (in diesem Fall das SM56) auf einer Festival-Bühne genutzt wurden.

Die Veranstalter engagieren Hanley Sound

In New York wiederum wälzten die Woodstock-Veranstalter die Branchenbücher auf der Suche nach einem geeigneten Anbieter für die Beschallung des Events. Michael Lang, einer der vier Festival-Partner, berichtet: „Wir versuchten, jemanden zu finden, der eine Beschallungsanlage für Woodstock bereitstellen konnte, doch niemand hatte so etwas jemals zuvor gemacht. Und dann war da dieser irre Typ aus Boston, der es probieren wollte.“

Bill Hanley, der sich mit seiner Arbeit als Live-Tontechniker beim Newport Folk Festival, dem Newport Jazz Festival und Bill Grahams Konzerten im Fillmore East einen Namen gemacht hatte, erwies sich als hervorragende Wahl für diese Aufgabe.

Hanley hatte Erfahrung und Selbstvertrauen und war bereit, in seiner Werkstatt in Medford, Massachusetts die größte bis dahin je genutzte Anlage zusammenzustellen. Er hatte ein einfaches Ziel: den Zuschauern auf den hintersten Plätzen das gleiche Erlebnis zu bieten wie denen in der ersten Reihe.

Hanleys Beschallungsanlage

Mit dem Bau der Bühne und der Türme für die Lautsprecheranlage wurde erst wenige Tage vor der Veranstaltung begonnen. Hanley und sein Team wollten die Veranstaltung von einer erhöhten Plattform aus mischen, die mit Sperrholz und Gerüsten etwa 25 Meter links der Bühne errichtet wurde.

In einem Artikel in „Front of House“ vom Februar 2019 erinnert sich Hanley: „Wir verwendeten ungefähr 20 modifizierte Shure Unidyne Mikrofone. Außerdem nutzten wir vier modifizierte Shure M67 [Mikrofon-Mischer] mit Eingangsdämpfung, zwei Shure M63 Audio Master als Equalizer, einen Altec 1567A Röhren-Mischer und vier Teletronix LA2A Röhren-Limiter zwischen den Mischern und den Endstufen. Unter der Bühne hatten wir über 20 McIntosh MC3500 Hi-Fi-Röhrenendstufen mit 350 Watt RMS.“

Bereits 2006 hatte Hanley in „Front of House“ berichtet: „Auf den Hügeln habe ich spezielle Lautsprecher-Säulen installiert, sowie 16 Lautsprecher-Arrays auf einer quadratischen Plattform, die auf 20 Meter hohen Türmen am Hang errichtet wurde.“

Das Unisphere Model 565

Die Recherchen von Shure – unter anderem anhand des Woodstock-Dokumentarfilms von 1970 und einer Fülle von Künstlerfotos – ergaben, dass es sich bei den Mikrofonen für Gesang, Schlagzeug, Perkussion, Gitarrenverstärker und akustische Gitarren um das Modell Unisphere® 565 handelte. Auf den Fotos oder in der Doku sind keine anderen Mikrofone zu sehen, was allerdings nicht eindeutig ausschließt, dass keine anderen Mikrofone von Shure oder anderen Herstellern für die Backline verwendet wurden.

Das damalige Unisphere Model 565 verfügte über einen vierpoligen Amphenol-Anschluss und hatte keinen Ein/Aus-Schalter. Switchcraft stellte den L3MN- Adapter her, der mit einem Gewindering am Mikrofon befestigt wurde und den Amphenol-Anschluss auf einen 3-Pin XLR-Stecker adaptierte.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Shure eine spezielle Ausführung des Model 565 für Woodstock lieferte, daher ist es wahrscheinlich, dass Hanley die Mikrofone durch Hinzufügen des Switchcraft-Adapters selbst modifizierte. Shure bot schließlich ab 1972 auch eine XLR-Version des Model 565, das 565D, an.

Erfolg

Die für die Beschallung von 200.000 Fans ausgelegte Anlage (Berichten zufolge die größte bis zu diesem Zeitpunkt) erreichte schließlich die Ohren von mindestens 400.000 Menschen.

In Erinnerung an Woodstock merkt Hanley an: „Das Einzige, was nicht ausfiel, waren die Beschallungsanlage, die Wasserversorgung und die Bühnen-Security … Wir hatten schon zahlreiche Freiluft-Shows gemacht; wir waren vorbereitet. Die gute Planung war der Schlüssel zum Erfolg.“

Hanley war damals nicht klar, dass er im Begriff war, Audio-Geschichte zu schreiben. „Ich habe es nie von dieser intellektuellen, historischen Perspektive betrachtet. Du bist einfach damit beschäftigt, alles zum Laufen zu bringen und einen guten Sound zu liefern.“

Nachwirkungen

Wie sich der Auftritt von Shure auf der Woodstock-Bühne auf die künftige Rolle des Unternehmens im Pro-Audio-Segment ausgewirkt hat, ist schwer einzuschätzen. Zum damaligen Zeitpunkt war Shure hauptsächlich für seine Schallplatten-Tonabnehmer bekannt. Selbst die heute omnipräsenten Mikrofone SM57 und SM58, die 1965 beziehungsweise 1966 als TV/Rundfunk-Studiomikrofone (daher SM) eingeführt worden waren, setzten sich in ihren Zielmärkten nicht durch.

Den Führungskräften des Unternehmens war wohl auch nicht bekannt, dass das Model 565 beim Woodstock-Festival zum Einsatz gekommen war. Da keiner der heutigen Mitarbeiter bereits damals bei Shure tätig war, lässt sich dies nicht mit völliger Sicherheit sagen. Fest steht, dass Woodstock in der damaligen Unternehmensdokumentation von Shure keinerlei Erwähnung findet.

Eine Tatsache ist auf jeden Fall unbestreitbar: Den Einsatz von Shure auf der Festivalbühne in Woodstock verdanken wir Bill Hanley, der sich seitdem den Titel des „Father of Festival Sound“ verdient hat.

Hauptbild: Elliot Landy

Über den Autor

Michael Pettersen

Mit dem Bau eines Detektorradios in seiner Kindheit begann Michael Pettersens Faszination für Musik, Ton und Audiotechnik. 1976 begann er bei Shure Incorporated zu arbeiten,  wo er inzwischen die Position des Director of Corporate History innehat. Zudem ist er Verfasser zahlreicher Fachbeiträge im Bereich der professionellen Audiotechnik und einer der Autoren des 1.550-seitigen, monumentalen Referenzbands „Handbook for Sound Engineers“. Des Weiteren arbeitet Michael als professioneller Musiker, arrangiert Chorsätze, ist Mitautor einer Biografie des Jazzgitarristen Freddie Green und als großer Erzähler bekannt. Des Weiteren arbeitet Michael als professioneller Musiker, arrangiert Chorsätze, ist Mitautor einer Biografie des Jazzgitarristen Freddie Green und als großer Erzähler bekannt.

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